Regina
Maria Anzenberger, namhafte Agentur- und Fotogalerie-Chefin
aus Wien, hatte die Ehre, in der Jury des APA-Canon-Pressefoto-Awards
objektiv08 zu agieren. Hier ihr lesenswerter Bericht,
vielen Fotografen aus dem Herzen gesprochen:
Objektiv08 – subjektiv gesehen
Ich
stehe unter Schock! Selbst jetzt noch, viele Stunden nach der Jury zum OBJEKTIV08, dem österreichischen Pressefotopreis. Man fasst
es nicht! Das Erlebte erinnert mich unweigerlich an das unlängst gelesene Essay
über den Osten, wo erwähnt wurde, dass Weißrussland, als Durchmarschgebiet
für die Feldzüge und Raubzüge der Schweden, Litauer, Polen, Kosaken, der Nazis,
Russen und Sowjets kaum etwas erhalten geblieben ist, das heute kulturelle
Standfestigkeit vermitteln könnte. Aber wir befinden uns hier nicht im Krieg.
Oder etwa doch? Gibt es einen Krieg zwischen den Fotografen und den
Journalisten? Man sollte doch eigentlich gut zusammenarbeiten. Eine Illusion?
Das gegenseitige Verständnis ist gering. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn
man ein bisschen nachdenkt. Muss doch der Fotograf immer vor Ort alles
erledigen, alles „im Kasten“ haben. Der Journalist erst nachher am Schreibtisch
alles zu Papier bringt. Zwei Berufe - zwei Arbeitsprozesse. Warum schickt man
dann Journalisten zur Beurteilung von Fotos?
Geschehen
am 3. April 2008.
Ort:
APA, Laimgrubengasse 10.
Der
Grund: Die Jury des zum dritten Mal ausgeschriebenen österreichischen
Pressefotopreises OBJEKTIV.
Vor 3
Jahren: Man seufzte erleichtert. Endlich, ein Preis für die österreichische
Pressefotografie! Ein Austrian Press Photo Award, dankenswerter Weise von Canon Österreich ins Leben
gerufen, mit der APA als Partner. Endlich auch eine Chance für die
österreichischen Pressefotografen und – vielleicht sogar für die
österreichische Pressefotokultur. Sollte man meinen!?
Was ich
aber als Mitglied der Jury erlebt habe, hat alle meine Erwartungen bei weitem
übertroffen. Ich dachte an die Qualität. Nachdem ich den World Press Photo
Contest gut kenne und bei verschiedensten, auch internationalen Bewerben
bereits in einer Jury war, versuchte ich mich in meinen Vorstellungen eher zu
mäßigen. Doch was ich nicht bedachte, war, dass es gar nicht wirklich um die
Fotos ging. Es war wie ein Blitzkrieg gegen die Fotografie, den ich Gott sei
Dank überlebte – allerdings mit einem Schock. Da wir anfangs auch einander
nicht vorgestellt wurden, wusste ich bei den meisten Juroren auch nicht, wer
sie waren. Offenbar führt der vermeintliche „Bekanntheitsgrad“ der
teilnehmenden Jurymitglieder dazu, dass man annimmt, das Vorstellen sei gar
nicht mehr nötig. Ich befand mich jedenfalls plötzlich im Geschehen einer
unglaublichen „Fotojury“. Vis a vis von mir zwei
Damen, die ununterbrochen quasselten. Rundherum Herren, die teilweise
versuchten, mitzuhalten. Die Fotos, zusammengepfercht in Ordnern,
machten in einem unglaublichen Tempo die Runde, wurden nicht einmal zur
besseren Beurteilung nebeneinander aufgelegt oder - wie heute meist üblich -
digital an die Wand projiziert. Eine der Damen erkannte ein Foto, beschwerte
sich, dass weder Fotograf noch Medium hinten vermerkt seien. „Mmmhh“, mahnte da höflich der Herr von der Organisation:
„Wir sind hier in einer Jury, da geht es um die neutrale Bewertung, da sollen
Sie es auch gar nicht wissen“. Es wurde weitergequasselt, über andere
„Prominente“, die Ereignisse vom Vortag im Kino und nicht zuletzt wurden noch
quer über den Tisch Termine ausgemacht! Nur über die Fotos, die Fotografie im
Allgemeinen oder den Wettbewerb wurde kaum ein Wort verloren.
Nach 50
Minuten war der Spuk vorbei. Die Herren Chefredakteure und Damen
Chefredakteurinnen sagten freundlich „Tschüss“ und waren draußen. Wenn es die
Fotografen und alle mit Fotografie arbeitenden bis dato nicht ohnehin schon
gewusst haben, hier wurde es deutlich vorgeführt: Österreich ist eine
fotografische Kulturwüste und die wesentlichen Verursacher wissen es nicht
einmal.
Zurück
blieben zwei ältere Fotografen, die noch ein Weilchen beurteilten. Ein
Chefredakteur, der ohnedies zu spät gekommen war, der kurz mit mir eine
Diskussion über ein Foto und die Bildsprache in seinem Magazin aufnahm, aber
sichtlich auch nicht die Zeit für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit
Fotografie aufbringen wollte und sich schnell wieder zurückzog.
Die
Zeit, die Bilder wirklich anzusehen, nahm sich dann doch wenigstens noch einer
außer mir. Und auch er, einer der wenigen Nicht-Chefredakteure der Jury, hatte
produktive Vorschläge zur Veränderung. Am Ende wurde von der Organisation noch
beklagt, dass die Qualität heuer nicht besonders gut gewesen sei. Zu wenige
Fotografen, die zu wenige gute Bilder einsenden.
Was
dieser Wettbewerb beweist, ist, dass sich Fotografen nicht allein von einem
hohen Preisgeld (höher als World Press Photo!!!) motivieren lassen. Was in der
Wirtschaft längst bekannt ist, hat man hier übersehen: Menschen wollen
gefordert und gefördert werden und das wird wohl nur passieren, wenn es eine
qualifizierte
Fachjury
gibt,
die auch in der Lage ist die Arbeiten adäquat zu beurteilen. Originalton eines
hervorragenden österreichischen Reportagefotografen: „Was soll ich dort
einreichen, du siehst ja aus dem letzten Jahr, dass nicht die
Bildqualität sondern nur prominenter Inhalt zählt.“ Die Fotografen und
Fotografinnen in Österreich wissen offenbar genau, was Sie von einer
journalistisch zwar hochrangigen aber mit zu wenig fotografischer Kompetenz
ausgestatteten Jury zu halten haben. Herr und Frau ChefredakteurIn
sollten vielleicht eher ihre Bildchefs einen halben Tag entbehren.
Und man
wird wohl einsehen müssen, dass es eine Juryleitung geben muss. Jemand, der die
Teilnehmer vorstellt, der Anregungen gibt, die Jury bei der Sache hält, für
Kommunikation und vor allem Diskussion sorgt, dann kommt die passende Stimmung
von allein.
Es gibt
in Österreich sehr viele gute Fotografinnen und Fotografen - und die verdienen Respekt
in Form eines würdigen Preises mit einer respektvoll agierenden Jury. Respekt,
Würde und Gesprächskultur und vielleicht ein wenig Internationalität in der
Auswahl der Jury - diese Komponenten sollten die Veranstalter in ihre
Überlegungen einfließen lassen, wenn sie diesen für die Pressefotografie so
wichtigen Preis zu Qualität und Erfolg führen wollen.
Regina Maria Anzenberger
Wien, 3. April 2008