Franz
Hubmann ganz persönlich . . .
Von Gerhard Sokol
Wir trauern um unseren lieb gewonnen Franz Hubmann,
dessen Leben und Schaffen eng mit dem Syndikat der Pressephotographen,
Pressebildagenturen und Filmreporter Österreichs verbunden war.
Der Zusammenschluss einiger Dutzend Pressefotografen,
einiger Filmreporter im Jahre 1947 – und das „Syndikat“ war
geboren. Eigene Ausweise in den vier alliierten Zonen schafften Zutritt zu von
den Befreiern/Besatzern goutierten Ereignissen – auch sie wollten ja
dokumentiert sehen, wie gut sie alles im Griff hatten: Die neue Regierung,
Heimkehrer auf den Schutthalden ehemaliger Bahnhöfe, Wiederaufbau, Lebensmittelkarten,
Kinderverschickungen, Schülerausspeisungen, öffentliche Ordnung in den
Ruinenstädten und in den vier alliierten
Zonen, Wohnungsnot, Schleichhandel, das Kulturleben erwachte wieder, die
Kabarettszene begann sich wieder zu regen . . .
Die schlimmen Jahre gingen, 1955 verließ der letzte
Besatzungssoldat Österreich, das österreichische Fernsehen startete ein
Versuchsprogramm, ein zunächst bescheidenes Wirtschaftswunder erfasste
Österreich, es ging nach oben. Der Autor trat 1966 dem Syndikat bei, nachdem er
ab 1965 bei der Bildagentur Votava die ersten Erfahrungen des Pressefotowesens
machte, bekam den grünen Ausweis als Agenturangestellter, fühlte sich geehrt –
bis er in der für ihn ersten Generalversammlung erfahren musste, dass die
Mitglieder mit den grünen Agenturausweisen kein Stimmrecht hatten! Den roten
musste man haben! Das war was!
Die mit Hilfe einiger Kollegen angezettelte kleine Revolution
(in alten Protokollen nachzulesen) hatte Folgen. Präsident Fritz Basch trat
zurück, Generalsekretär Franz Votava, in dessen Agentur Gerhard Sokol Fuß fasste, zeigte sich enttäuscht. Aber wieder mit
Hilfe einiger Kollegen konnte das Präsidium von der Unmöglichkeit der Situation
überzeugt werden – die Statuten wurden geändert, alle Mitglieder bekamen
gleiches Stimmrecht, für alle gab es bald darauf neue Ausweise ohne
Unterscheidung!
Fritz Basch blieb dann doch im Amt, Votava hatte aber
schon länger genug, übergab das Sekretariat an Forster, der auch bei den
Auslandsjournalisten tätig war – und Sokol wurde schließlich
eingeladen, im Vorstand Platz zu nehmen.
Einige Jahre später wählte die Generalversammlung den
Kandidaten Franz Hubmann zum Vorsitzenden der professionellen
Berufsorganisation. Er löste Fritz Basch ab, der sich nun verdienter Maßen in
den Ruhestand begab. Sokol rückte im
Syndikats-Vorstand weiter nach vorn, war inzwischen einige Jahre beim Kurier, hatte
weiß Gott genug um die Ohren – und Hubmann war schon damals Legende!
Franz Hubmann war zweifellos großer Gewinn für das
Syndikat. Er war schon damals eine Leitfigur der Branche. Sein Name war Garant
für Authentizität, für Bildberichterstattung, für Bildjournalismus
schlechthin. Er war sofort guter Gesprächspartner, Ratgeber, behielt Ruhe und
Überblick bei allen Verhandlungen, Terminen und
kannte alle Höhen und Tiefen des freien Fotografenlebens. Franz Hubmann
neben, vor oder hinter sich zu wissen – das war schon etwas! Mit Hubmann und
den Vorstandskollegen entworfene Strategien in Sachen Veröffentlichungshonorar,
Urheberrecht, Namensnennung, Copyright usw. war Sache des Vereinslebens, wobei ich viel auch über meine
Vorstandstätigkeit beim RSV und den Erfahrungen als Kurier-Fotograf einbringen
durfte.
Hubmanns Asse waren die unwiederholbaren Bilder aus
den frühen Fünfzigerjahren und aus magnum-Zeiten; seine Künstlerporträts von
Picasso bis Kokoschka, sein Café Hawelka, sein
Brunnenmarkt- und Naschmarkszenen, seine Strudelhofstiege, sein Opernball – es
gab schier nichts, was er fotografisch ausließ, anzubieten hatte und
einzubringen wusste. Die festgehaltenen Szenen schlichter Träume einfacher
Anwohner am Ufer des Donaukanals, im Biergarten, beim Wirt ums Eck, im Prater.
Hubmann hatte alles, wusste alles! So schien es
zumindest! Gewiss, wir alle waren fleißig unterwegs – auch ich fotografierte
Schach spielende Rentner in der Hauptallee, Amateure beim Eislaufen, Kinder
beim Ostereier suchen, Olympiasieger Schwarz in Grenoble, Karl Schranz und
Killy, die K.-O. Szenen mit Hans Orsolics, den später
verunglückten unvergesslichen Jochen Rindt, alle Politiker, Promis usw., – aber
Hubmann hatte unermüdlich schon Jahrzehnte zuvor längst jene Dokumente
geschaffen, von denen viele sprachen, hatte pausenlos Zeitgeschichte notiert und
erfand den Bildjournalismus neu. Wo manch einer achtlos vorüber ging, sah
Hubmann Höhepunkte, machte aus Begegnungen Ereignisse. Hubmanns erste erschienene
Bücher (wie Heimliches Österreich, Das deutsche Familienalbum und die Reihe
Die Länder Österreichs) ließen ob der
dargebotenen neuen Qualität aufhorchen. Als Chronist des vermeintlich
Unwesentlichen ging er schon bald in die österreichische, später internationale Geschichte der Fotografie ein. Der
Vergleich mit Cartier-Bresson war zulässig!
Es war dies die Zeit des Kameramodells M von Leica
mit Wechseloptik (die schon in den Neunzehnhundertfünfzigern die klassische Reporterkamera
war). SW-Film mit entsprechender Feinkornentwicklung war Standard. Leica war
immer etwas Besonderes. Die Ära des großen, schönen, selbst ausgearbeiteten
SW-Bildes, der Bilderstrecke, die sich in entsprechenden Magazinen,
Illustrierten über mehrere Seiten hinzog. Es waren dies auch die Jahre, wo noch
locker überall Zutritt gewährt wurde, wo Terrorismus fremd war und der
Fotoreporter hohes Ansehen genoss. Viele Zeitungen, Magazine brauchten ebenso viele
Bilder! Fußball wurde 1968 noch mit 50 oder 90 mm-Optik von der Toroutlinie
fotografiert. Beim österreichischen Automobil-Grand-Prix am Asperner Flughafen
stand man auf oder lag neben den Strohballen, den der daherfliegende Bolide in
voller Fahrt fast streifte, um auch mit der Normaloptik zu Format füllenden
Bildern zu kommen. 200er-Teles oder gar Längeres mit Spiegelkasten vor der M
waren selten. Kein Autofokus, kein Belichtungsmesser, kein Motorgehäuse. Für größere
Drängeleien musste das 35er Weitwinkel her, vielleicht das 21er Super-Angulon mit externem Sucher – und ein Zweitgehäuse
mit einer 90er. Vielleicht noch ein Elektronenblitz . . .
Spezialisten wie Fred Riedmann, Barbara Pflaum
griffen sich die zweiäugige Rollei, machten mit 6x6 was her. Hier konnte man
wenigstens bis zur Fünfhundertstelsekunde blitzen – bei Leica M war ja bei 1/60
sek. Schluss!
Langsam kamen taugliche Kleinbild-Spiegelreflexkameras
auf, auch von Leica, mit entsprechenden Optiken nicht zu schlagen. Aber teuer! Dann
die Japaner, die Nikon, die Canon usw. Leider kann nichts mehr mit
Gegenwärtigem vergleichen – zu exotisch, die wilden Jahre!
Und Hubmann gab wieder eine Linie vor. Inzwischen
tüftelte er in der Farbfotografie, arbeitete mit riesigen Objektiven, die auf
der Schulter des begleitenden, assistierenden Sohnes Axel, der inzwischen
ebenfalls im Syndikat willkommen war, im Anschlag lagen! Es entstanden Fotobücher,
deren Aufnahmen in der Bildauflösung unerreicht sind. Er hielt in der „Grafischen“
Vorträge und erklärte, warum seine Dias immer unterbelichtet sein mussten: Weil
sie nicht für die Projektion, sondern für die Hochglanz-Buchproduktion
ausgelegt waren! Nur so war alles aus den Farben herauszuholen!
Ich organisierte zwei große Fotoausstellungen im
Syndikat; na ja, da hing ich einmal neben Franz Hubmann! Ich durfte Franz
Hubmann auch einmal in Rust erleben, wo er mit dem ehemaligen Werbetexter und
heutigen Bestseller-Autor Alfred Komarek und seinem Verleger Christian
Brandstätter eines seiner zahlreichen Bücher per Projektion aus der Taufe hob.
Da staunten die Anwohner, die nach den Aufnahmestandorten suchten und sie nicht
fanden, obwohl sie „ums Eck“ wohnten und jeden Stein kannten! Wo von der
bekannten Kirche nur die Spitze des Turmes aus dem wogenden Weizen ragte und
Wege sich im Nichts verloren. Dass „Farbigkeit“ nicht „Buntheit“ bedeutet
begriff jeder, der Hubmanns Kompositionen einmal studierte. Seine ausgegebene
Maxime, tunlichst nur eineinhalb Farben zuzulassen oder wenigstens bei der
Aufnahme mit Brennweite und Blende zu steuern, hat immer, auch heute
Gültigkeit. Dass die Grauwerte eines gekonnten SW-Bildes viel eher als
glaubhafte Fotografie verstanden werden erklärt die Tatsache, dass ja jeder
Betrachter weiß, was Hautton, was Wiese, was Schatten ist und welche Farbe ihm tatsächlich
zukommt. Die perfekte Illusion also. Es bedarf keines weiteren Beweises.
Dann kam eines Tages der (längst fällige) Professorentitel
für Franz Hubmann, der niederösterreichische Landeshauptmann ehrte seinen
Landsmann aus Ebreichsdorf, der Große Österreichische Staatspreis für Fotografie
wurde überreicht, das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
wurde verliehen, das Große Ehrenzeichen mit dem Stern . . . unser Präsident war
langsam zum höchstdekorierten Fotografen Österreichs geworden. 80 Fotobücher,
einige Fernsehfilme und ein sagenhaft großes Bildarchiv pflastern den Weg eines
fast 60 Jahre andauernden erfüllten Berufslebens.
Wir wissen alle, wie rasant sich die Zeiten mit dem
Einfluss der Digitalisierung änderten. Plötzlich galten andere Werte, alles war
atemlos geworden – man erlag der neuen Technologie, die ja in der schnellen
Pressefotografie zum Gesetz wurde und warf alles andere über Bord. Es war
modern geworden, möglichst rasch seine Schüsse in die Redaktion zu übertragen,
zu „verschlagworten“. Man war gezwungen, sich
Computertechnologie anzueignen, upzudaten, Daten zu
sichern, Internetwissen aufzubauen usw. Wer nicht mitmachte, wurde hoffnungslos
überfahren, konnte im Mainstream nicht mithalten,
schied aus.
Die Kräfte des lieben Freundes ließen langsam nach,
immer öfter ließ sich Franz Hubmann bei den Vorstandssitzungen entschuldigen,
die letzten Generalversammlungen waren für ihn zu anstrengend – aber auf seine
„Buben“, seine Flügel links und rechts war ja immer Verlass. Mit Digitalem
wollte Hubmann nur mehr ausnahmsweise zu tun haben. Gerne ließ er sich von
modernsten Usancen berichten – ohne sie selbst anzuwenden. Seine Lichtbildwerke
werden längst von imagno.at vertreten, der
Bildagentur Niki Brandstätters – alle Arbeit war getan . . .
Die Geburtstagsfete anlässlich seines Neunzigers im
Jahre 2004 mit gleichzeitiger Ausstellungseröffnung im WestLicht Peter Coelns geriet
zur langen Nacht des Franz Hubmann. Hunderte Gäste, vom Wiener Bürgermeister abwärts
bis zu aller Prominenz, die je mit Bild, Fotografie und Kultur zu tun hatte,
huldigten dem charmanten Jubilar. Eine Werksübersicht „Franz Hubmann, Photograph“ mit einer Vielzahl seiner Arbeiten aus
verschiedenen Dezennien schließt das Zitat des jahrzehntelangen Verlegers Christian
Brandstätter ein: „Franz Hubmann: Der
Blick durch den Sucher ins Herz der Dinge!“ Oder wie sagte Kulturstaatssekretär
Franz Morak anlässlich der Überreichung der größten
Auszeichnung an unseren alten Freund: „Die
Kunst ist ein langer, dunkler Fluss – nein, ein langer, dunkler, schnell
fließender Fluss – in einem japanischen Film mit afghanischen Untertiteln. Gut,
dass es Franz Hubmann gibt, der uns diese Geschichte übersetzt!“
Lieber Franz – in der Tat hast Du uns unendlich viel übersetzt,
durch Deinen Sucher blicken und erleben lassen. Deine Sicht der Dinge war oft
und ist noch immer unser Leben! Mit Dir einen langen, ereignisreichen Weg
gegangen zu sein, war großzügiges Geschenk. Wir vergessen Dich nie!
Gerhard Sokol