Eintretend in das
neu renovierte Palais Porcia (einmal mehr ein Palais
in Wiens Innenstadt, von dem man bislang nichts wusste, nichts wahrnahm, weil
unzugänglich, verschlossen nahe der Freyung, Herrengasse 23 gelegen) umfängt
einen Stille. Hinter der das Einfahrtsgewölbe abschließenden gläsernen
Flügeltüre werden alte, große Rosenstöcke und
wunderschönes Gemäuer im hinteren Trakt, weitläufig, dreistöckig,
wahrgenommen. Ruhiges, zeitloses, klassisches Ambiente aller Orten.
Im vorderen Bauteil, nach der Einfahrt links führen ein paar Stufen abwärts zu
einem weiteren Gewölbe. Dies ist also der Raum, in dem unserem verehrten
Meisterfotografen die höchste jemals vergebene Auszeichnung überreicht werden
soll.
Langsam nehmen die Festgäste, viele Kolleginnen und Kollegen,
Freunde, Zeitgenossen, Professoren ihre Plätze ein. Eine Handvoll Fotografen
überprüft nach ersten Schüssen nach dem Eintreffen des Jubilars Akku, Blitz,
Optik, wechselt noch mal schnell den Standort – um dann zu erkennen, dass der
alte doch der bessere gewesen war. Alle sind sie da: die Professores
Weber und Bissuti,
die APA-Dame Barbara Gindl, der Noch-nicht-Professor Herbert Graf und noch ein
paar Jüngere Kollegen, denen Prof. Franz Hubmann, dem dieser Festakt gewidmet
ist, ebenfalls guter Bekannter ist. Zwei Fernsehteams buhlen um den besten
Platz in angebotener Enge – auch für das beigebrachte Mikrofon samt Ständer.
Die Laudatio
Das Gesangsduo Steinberg und Havlicek,
begleitet von Havliceks Kontragitarre,
hebt an „An so an Tag“ vorzutragen. Liebliche Wiener Weise, gekonnt
interpretiert. Dezenter Applaus. Es begrüßt nun der Herr Staatssekretär Franz Morak die Anwesenden. Wieder stimmt das Duo mit Kontragitarre (ist´s doch ein
Trio?) das Lied „Paradies“ an. Sehr gefällig, lieb. Endlich ist Prof. Peter Kubelka aufgerufen, die Laudatio für den zu Ehrenden
vorzutragen. Kubelka erhebt sich, packt eine große
Tasche mit Gerätschaft, nimmt beim Mikrofon Aufstellung, platziert die Tasche
neben sich auf einem Stuhl und hebt die Stimme: „Sehr verehrte Festg . . .“ Bummmmmmrrrrrroch!
Ein wahrer Donnerschlag durchfährt das Kreuzgewölbe.
Erschrocken in die Richtung des Donners blickend, nehmen wir
wahr: Herbert Graf, um bessere Fotoposition bemüht, war an die wartende, an die
Wand gelehnte Kontragitarre Roland Neuwirths, des auf seinen Auftritt wartenden Roland Neuwirth Trios gestoßen – und diese fiel aus Protest um.
Der Schallkörper, die Saiten gaben das nichts Gutes ahnen lassende,
donnerartige Geräusch. Es war zwar kein Holzsplittern oder „Saitenschnalzen“ zu
hören gewesen – aber der Sprung im Boden und der lose Steg im Inneren (wie
spätere Recherchen ergaben) waren zunächst Schaden genug. Der erblassende
Roland Neuwirth nahm seine Geliebte an sich,
tätschelte sie leise, betroffen, schüttelt den Kopf. Der noch blässere Herbert
Graf, um hundertfache Entschuldigung bemüht, versuchte, im Boden zu versinken.
Allein: Zu viele Steine!
Der bald gefasste Laudator Kubelka
schließlich hub ein zweites Mal an. Nun lag es an ihm, der mitgebrachten,
geheimnisvollen Tasche einen schönen, werkzeugähnlichen Stein zu entnehmen und
in seiner Rechten zu präsentieren. Die vorangegangene Demonstration des
einfachsten Werkzeugs des Menschen, der nackten Hand mit Griff, Abwehr oder
Kampfstoß per Faust ergänzte nun der Stein die dauerhaftere Waffe, das härtere
Werkzeug. Nach launigen Erklärungen, welche Genialität in der Handhabung
gewisser Werkzeuge liege, war man bald bei der später alle Welt zur Fotografie
einladenden Box Tengor und noch später beim
Kameramodell Hubmanns angekommen. Das Auge und Hirn des Fotografen, der vor Ort
einfing, was er für richtig hielt und sich entsprechender Mittel, Werkzeuge
bedient, ist letztendlich unser Auge, unser Hirn. Es ist ja nicht möglich, an
allen Drehplätzen selbst anwesend zu sein – man nimmt eben, was geboten wird.
Selbstverständlich!
Franz Hubmanns Welt ist also auch die unsere? Unter
Vorbehalt: „Wie ich es sehe“, der Titel eines Hubmann-Buches sagt alles aus.
Und doch: Wie er es sieht, sehen wir es auch! Gut, wenn er vieles besser sieht.
Wir genießen und sehen dann zeitversetzt, bequemer! Sein Naschmarkt ist
unserer, sein Brunnenmarkt ist unserer, seine Künstlerporträts sind auch
unsere!
„Das ist ja keine Laudatio!“ tönt ein Zwischenruf einer
älteren Dame aus der Gästeschar. „Was soll das sein?“ Da hat die Arme wohl das
eine oder andere Gleichnis mit den Geräten aus der Tasche Kubelkas
nicht goutiert. Sie hätte vielleicht gerne gehört, dass an die Hundert Bücher
Hubmanns Geist entsprangen, dass er mit Auszeichnungen überhäuft wurde, dass er
Österreichs Aushängeschild im Bildjournalismus ist, dass er Ikone und Denkmal
zu Lebzeiten wurde. Aber all das ist ja bekannt, das wussten wir ja schon. Das
Gleichnis mit Werkzeug, Geist, Auge und Blick, der Verantwortung für die
Nachwelt, des Sehens für uns alle war neu. Kubelka
setzt zunächst fort, überlegt, unterbricht seine Laudatio mit „Hören Sie auf,
ewig herum zu gehen!“ und herrscht den immer um exklusive Bildchen bemühten
Harry Weber an. „Ich verliere den Faden, weiß nimmer, was ich sagen wollte –
weil Sie dauernd in meinen Augen in Bewegung sind!“ setzt er fort. Wenig später
ist der Faden doch wieder gefunden, die Laudatio kommt endlich zum Schluss.
Morak bemüht sich nun, die vorbereiteten
Insignien flott an Franz Hubmann zu überreichen.
Das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern
für Verdienste um die Republik Österreich
landet in Händen des Verdienten. Blitzgewitter,
Wiederholungen, andere Perspektiven. Schließlich dankt ein sichtlich gerührter
Franz Hubmann für die Auszeichnung. Ein dreifaches „Danke“ rundet seine Worte.
Dann der Moment, auf den insgeheim alle warteten: Roland Neuwirth hat inzwischen seine verunfallte, getretene und
gefallene Kontragitarre neu gestimmt, gestreichelt,
das Trio mit Roland Neuwirth, Doris Windhager (von
der Überstimme zur Marke) und dem Könner auf der chromatischen Knöpferlharmonika, Marko Zivadinovic
interpretiert „Wien g´spürn“ und lässt wie immer
alles verstummen, was gerade noch den Raum füllte. Diese Musik, dieser Gesang,
inzwischen deutlich mehr als nur Unterhaltung, Klasse eben. Ja Klassik im
besten Sinne, wertvoll, sensibel, Gehör erzwingend! Kein Fehlton
der Kontragitarre – alles bestens? Doch kein Schaden?
Die Dankesworte Moraks gipfeln in
einem Zitat: „Die Kunst ist ein langer, dunkler Fluss – nein, ein langer,
dunkler, schnell fließender Fluss – in einem japanischen Film mit afghanischen
Untertiteln. Gut, dass es Franz Hubmann gibt, der uns diese Geschichte
übersetzt!“
„Das wär´ die Laudatio gewesen“
wirft die Unverbesserliche wieder ein. Wir aber gratulieren dem Ausgezeichneten
und empfehlen uns . . .