Harry
Weber erklärte sich an einem spätsommerlichen Herbsttag 2006 bereit, vor
Mikrofon und Kamera aus seinem Leben zu erzählen. Gerhard Sokol
zeichnete auf und veröffentlichte in flash und
visuell. Das Interview geriet zum Nachruf, nachdem Harry Weber zu Ostern 2007, 85jährig, verstarb.
Einer von uns . . .
Mit vorbereitetem Interviewkonzept
halte ich am Monte Laa in Wien, Nummer 36, suche die
Stiege 6, prüfe die Namen an den Schildern – da: Weber, Tür 20! Kurzes
Klingeln, Antwort, bald darauf öffnet sich das Tor – Harry Weber, hochgeehrter
Österreichischer Fotoprofessor, reif an
Jahren, Gedanken und Werken steht vor mir. Mit lebhaften Augen, aber vielleicht
doch eine Spur zurückhaltender, ruhiger als bei unserem letzten Treffen. Er
fährt nicht mehr Auto, gab es vor kurzem auf. Kleine Unsicherheiten, der
hektische Verkehr zuweilen und 85 Lebensjahre unter manchmal recht fordernden
Bedingungen hinterlassen Spuren. Sein Wohnort, der kolossale Gemeindebau mit
grünem Hinterland in Wien-Favoriten, in dem er Jahrzehnte wohnt, verkommt immer
mehr zum türkischen Getto – keine Ansprechpartner, keine Gemeinschaften mehr .
. . „die reden nicht mit uns, die wollen
auch nichts von uns hören. Dabei verstehen sie sehr wohl, sind ja zum Teil hier
geboren, wollen aber lieber untereinander sein, schotten sich ab, machen uns
alte Anwohner im Bau zu Fremden, zu „Ausländern“, sie dominieren uns!“
Bittere Worte des Anrainers Harry
Weber, der schwer unter den gegebenen Umständen leidet. „Zum Umziehen ist es zu
spät, das kann ich nicht mehr . . .“ sprach´s, hängt sich die unvermeidliche Kamera
am Riemen über die Schulter (früher war es immer die Leica M – nun begleitet
eine schussbereite Digitale den Herrn Professor!) und ein Kuvert mit Prints in der Linken, reicht er mir die Rechte zum Gruß.
Wenig später sitzen wir an der Südseite des Laaer
Berges unweit des „Filmteiches“ im ehemaligen Gelände der Internationalen
Gartenschau bei Don Alfredo bei Kaffe bzw. Tee – und sind (das vorbereitete
Konzept vernachlässigend) sogleich beim Thema.
„Ja, schau,
die Fotos drucke ich selber aus, A4
groß, sieh´ sie dir an!“ Ich überzeuge mich von Harrys aktuellen Umtrieben und
anerkenne neidlos, dass er noch im hohen Alter mit digitaler Materie umgehen
kann! An den Motiven ist sein fotografisches Leben zu erkennen – er kann es
nicht anders, muss die Kamera immer dabei haben. So oft er kann, ist er
scharfen, wachsamen Auges immer noch unterwegs, fängt Bild um Bild ein, alles
echt, alles jetzt, alles urban – Wien in allen Facetten – nichts gestellt oder
besonders vorbereitet. Aber leider – körperliche Schwäche lässt ihn immer öfter
Pausen einlegen, schwere Gehäuse und Objektive wurden längst zur hinderlichen
Last, zur schwer beherrschbaren Größe am Einbeinstativ. Eine Digitale mit
leichtem Telezoom ist heute alles, was er braucht – und fallweise ein Weitwinkel.
Die moderne Fotografie samt
„digitaler Dunkelkammer“ und späterem Printout
bedeutet für Harry Weber großartige Unterstützung, zumal er mit Filmentwicklung
und Vergrößern (überraschender Weise) schon in früheren, aktiven Zeiten nichts
am Hut hatte! Es ist also auch nichts über Gewohnheiten oder Tricks aus seinen
Anmerkungen herauszuhören, was mit vermeintlichem Köcheln im Gelbgrünlicht zu
tun hat. Die Dunkelkammer war nie seine Welt – Harry kam über einige Versuche
nicht hinaus, hatte viel zu wenig Geduld. Überdies hatte er immer eine
Laborantin zur Hand, die Angekreuztes brav vergrößerte, ausarbeitete. Die
letzte einer Reihe von wertvollen Kräften unterrichtet heute an der
Graphischen! Für unsereinen waren ja zu Agenturzeiten emsige Lehrjahre bis zur
Perfektion selbstverständlich – der „alte Votava“
hätte anderes nie akzeptiert! Später, beim Kurier, lernte ich Laborantinnen und
Laboranten erst richtig schätzen und kennen – Kurt Schein oder besonders
unseren Schatz Inge Newan, jene Labordame die
sommers, zu Salzburger Festspielzeiten, in ihrem Urlaub Harry Weber mit
meisterlichen Laborkünsten unterstützte und uns in der Redaktion solcherart
sofort merken ließ, welch hilfreiches Genie hier fehlte!
Professor Harry Weber,
Jahrgang 1921, sein Brot seit 1952 als
Fotograf erwerbend, landete in jungen Jahren beim „Stern“, wurde bald selbst
zum Star – allerdings der Österreichischen Ausgabe, was nicht abwertend klingen
soll. Stern, Quick, Bunte und Hör Zu, später vielleicht noch Praline,
dominierten in den Fünfzigern, Sechzigern des vorigen Jahrhunderts den
österreichischen Magazinmarkt mit prallen Ausgaben, meist einige
Österreich-Seiten einschließend. Heute bedauert Harry Weber, nicht nach
Deutschland, England oder gar in die USA gegangen zu sein, um größere, ja größte
Märkte bedienen zu können. Seine Frau wollte schon. Harry wollte aber zuerst in
Österreich berühmt werden, um dann mit ihr auszuwandern. Der Weg zum Ruhm ist
ihm (für österreichische Verhältnisse) gelungen, aber international . . . In
Österreich indes gab es genug zu schaffen, die Jahre verflogen – seine Laufbahn
schien bereits vorgegeben, hier war er schnell Matador, der „Weber vom Stern“
eben! Freilich besetzten die Kollegen aus Deutschland die ganz großen
internationalen Reportagen – für Harry aber blieb genug Spielraum, Können und
Routine auszuspielen, um die großen Brüder nachhaltig zu beeindrucken und so
eben zum „Österreicher-Stern“ zu werden.
Zu den Bildern, die nun am Tisch bei
Don Alfredo liegen, erläutert Fotokünstler Harry Weber: „ . . . das sind nur
die letzten, aktuellsten, selbst mit Printer und sauteuren Tinten ausgedruckten
Fotos! Es gibt vierzigtausend, vielleicht fünfzigtausend Bilder (Dateien) auf
inzwischen Dutzenden CDs. Viel Material für die kommende nächste
Weber-Ausstellung („Webers Wien“) im Jahre 2007. Der Kurator Tim Stadel von der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung nahm die CDs, sicherte, kopierte, lagerte auf
Festplatten aus, ließ tausende Motive auf 13x18 cm ausbelichten,
sucht nun aus dieser Masse zusammen, was er ausstellenswert wähnt, schränkt
dann vielleicht auf fünfhundert oder dreihundert Bilder ein! Ich habe keine
Ahnung, was er auswählt, was hängen wird – bin nur sicher, dass die
Ausstellungsvorbereitungen voll laufen! Nebenbei bin ich ja der Meinung (ohne
mich besonders loben zu wollen), dass ich mit meinem Material fünf, vielleicht
zehn Ausstellungen beschicken könnte . . . !
Dieses Bild zum Beispiel . . . “
er ergreift ein am Tisch liegendes,
tatsächlich „bewegendes Motiv“ eines Trabrennens aus der Krieau,
das hier im flash veröffentlicht wird . . . „konnte
ich ihm nicht einreden, obwohl ich es stundenlang gesucht, schließlich gefunden
hatte und auch gerne an der Wand sehen würde. Das kann er aber nicht brauchen!
Da fällt mir gleich ein nächstes Thema für eine andere Ausstellung ein: Hände!
Große, kleine, schöne, abgearbeitete, grüßende, servierende, arbeitende,
komponierende, betende, dirigierende, deutende Hände, nur Hände eben!
Andererseits wird es einen großen Monitor in der Ausstellung geben, wo meine
aktuellen digitalen Arbeiten in Form einer Diaschau ohne besondere Auswahl
ablaufen. Der Kurator meint, ich solle nur zeigen, was ich alles fotografiert
habe“.
Auf meine Frage, wie denn das
digitale Material mit dem angedeuteten Umfang von 40.000 bis 50.000 oder auch
mehr Dateien überhaupt zugänglich sei, wie denn archiviert wurde, welche
Kriterien eingehalten wurden, welche Texte, Informationen die Dateien begleiten
würden? . . . treffe ich den offensichtlich betäubten Archiv-Nerv Harry Webers
und vernehme staunend die Antwort:
„Nur ich weiß, was wo liegt,
wann fotografiert wurde. Ich habe
keine Texte dazu, nur die Kamera-Informationen sind automatisch gespeichert.
Ich weiß jetzt noch, wann alles gemacht wurde, wo es zu finden ist . . . und es
ist alles ein Bisserl durcheinander, ein wenig chaotisch halt – ich hatte ja
anfangs keine Ahnung vom Auslagern, CD-Brennen usw.“ Mich schaudert ob der
freimütigen, einfachen Erklärungen zum Thema Archiv! „Erst neulich habe ich ein
Bild, eine Datei gesucht, weil sich meine Frau etwas eingebildet hat. Habe also
tagelang Bilder geschaut und CD um CD durchgesucht, bis sich herausgestellt
hat, dass meine Gattin zwar zwei Bilder nebeneinander im Kopf hatte – aber
tatsächlich nur eines existierte! Ich wusste ja genau, dass es nur ein Bild
gibt“ meinte er abschließend triumphierend!
Der gelernte, es besser wissende
Fotograf hält aber dagegen: Ungeschriebenes Gesetz ist, dass ein gutes Archiv
nur jenes sein kann, in dem auch ein Dritter, Vierter auf Zuruf schnell etwas
findet! Peter Lehners mit dem Hinweis
„Lehner, Ältere“
apostrophierte kubikmetergroße Kiste
im Kurier-Archiv, randvoll gefüllt mit Hunderten, Tausenden belichteten
Filmröllchen, landete nur deshalb auf dem Müll, weil kein Mensch (und auch Lehner selbst nicht mehr) wusste, was wann für wen
fotografiert wurde! Wertvolles Material geht tausendfach verloren, weil das
Gros der Fotografen Archivtätigkeit meist ablehnt, unterschätzt, nur an der
Produktion aktueller Bilderflut interessiert ist und Marketing sowieso grob vernachlässigt!
Dazu kommt, dass das Auslagern auf CDs keinesfalls beruhigen darf, zumal es mit
diesem Medium bereits denkbar schlechte Erfahrungen von wegen Unlesbarkeit der
Daten bei Generationswechsel der Geräte gibt und sich auch die DVD keinesfalls als sicheres Archivmedium darstellt.
Und Webers analoges Material? Über
fünfzig Jahre Fotografie zu allen wichtigen Terminen der älteren und jüngeren
Vergangenheit Österreichs? Zeitgeschichte pur! „Was ist damit?“ frage ich,
inzwischen Schlimmes ahnend. „Das, was ich noch hatte, ist jetzt in der
Nationalbibliothek – das ist ja ein Millionending – von 1952 an. Zuerst haben
sie das SW-Material gekauft, dann den Rest, sie haben gut bezahlt . . . mehr
ging eben nicht . . . bevor ich es zu Hause herumliegen habe, ist das Material
besser in der Nationalbibliothek aufgehoben. Dort suchen sie nun verzweifelt
herum, wollen von mir alles Mögliche wissen – aber ich weiß es selber nicht . .
. habe keine Antworten!“
Ich versetze mich betroffen in die
Lage Mag. Uwe Schögls, des verantwortlichen Experten
im renommiertesten Archiv Österreichs – in der Nationalbibliothek. Schon
anlässlich einer Podiumsveranstaltung des Syndikates vor zwei Jahren flickte er
den österreichischen (Presse-)Fotografen ordentlich am Zeug, weil sie bis auf
wenige Ausnahmen nicht im Stande sind, primitivste Archivdaten zu sammeln oder
zu bewahren und weil er und seine Mitarbeiter dann letztendlich hilflos in
Bergen von eingegangenem Material herumsuchen und nur selten verifizieren
können, fündig werden! So kommt es, dass
einige Fotografen-Nachlässe, die letztlich in der Nationalbibliothek landeten,
nur wertlose Massen sind, obwohl sie größte Klasse sein könnten! Schade, sehr
schade.
Auf leisen Vorwurf bezüglich seines
„Archives“ reagiert Harry Weber gelassen mit
„ . . . des is ma
ganz Wurscht.
Beim Stern wurden meine Negative
auch entsorgt – einiges konnte ich retten, zwei Drittel meines Materials, auch
die Farbe, sind verloren, für immer!“ Harry ahnt nicht, dass er es zum
wohlhabenden, vielleicht reichen, sorglosen Pensionär hätte bringen können,
wenn . . .
Inzwischen hebt er seine digitale
Nikon ans rechte Auge, schließt das linke, zielt auf mich, drückt ab – doch da
ist nichts, die Kamera streikt, irgend etwas ist verstellt, will nicht –
vielleicht ist auch nur die Naheinstellgrenze für das Telezoom unterschritten.
Dann gelingt doch der eine oder andere Schuss – schon in meinen frühen Anfängen
wurde ich mal von Harry Weber fotografiert. Etwa 1966, Am Hof, in Wiens
Innenstadt, als dort noch wöchentlich Flohmarkt abgehalten wurde. Das SW-Bild
mit Harry Weber-Stempel auf der Rückseite – heute ein Dokument, schmückt eines
meiner Alben! Mein professionelles Gegenüber lässt die Arme mit der Kamera
sinken und meint: „ . . . das wird mir auch schon zu schwer . . .“ Er hält die D100 von Nikon mit dickem Zoom am
Tisch in Händen – ich reiche ihm meine 30D von Canon mit einem „Reisezoom“, 28
bis 200 Millimeter mit eingebauter Makroschnecke über den Tisch. Er staunt.
„So leicht? Ist das Glas?“
Er nimmt die Kamera in Anschlag, ist
vom schnellen Autofokus beeindruckt, von der Leichtigkeit der Bedienung und
schießt drauf los. Fotografiert meine Hände – für die nächste Ausstellung? Wir
kommen zunächst über Canon, über Nikon, schließlich über den neuen Standard Four/Thirds in´s
philosophieren, weil dieser noch leichteren Kamera- und Objektivbau ermöglicht.
Ich erzähle ihm vom neuen Vario-Elmarit Leicas, das
zu diesem neuen Standard passt und mit Schärfe und Auflösung das Gros der
Objektive in den Schatten stellt. Aber auch von neuen Zooms, etwa von 18 bis
250 Millimeter, was beim Verlängerungsfaktor des 4/3-Standards eben ein 28 bis
500 Millimeter-Objektiv bedeutet! Harrys Augen glänzen! Das wäre seine Welt,
das würde passen.
„Mehr habe ich nie gebraucht!
Ich fange meist bei 85 mm an, ein
leichtes, langes Telezoom und ein Weitwinkel dazu: That´s
it! Das habe ich gerne! Und lichtstark muss es sein –
2,8 ist Bedingung!“ „Genau!“ füge ich hinzu. „Was ist deine längste
Brennweite?“ „Eine Zweihunderter“ antwortet Weber und setzt fort „die
Dreihunderter habe ich dem
Ich sage zu Harry, dass es mich
freut, dass er sich die digitale Welt so weit erschlossen hat, dass er nicht
stecken blieb, dass er am Umbruch teilhatte, sich damit beschäftigte und nun
gnadenlos seinen Nutzen daraus zieht. Er merkte sofort, dass der
Generationswechsel seiner zu meiner Digitalen im dramatisch reduzierten Gewicht
niederschlug, dass ein passendes und überdies erschwingliches Telezoom
plötzlich nur mehr die Hälfte wog. Die Leichtbauweise hat was für sich, ganz
sicher! Harry bemerkt: „ . . . weißt du, dass ich beim Pensionsantritt, als ich
mit Negativ, Dia und entsprechenden Kameras aufhörte, mich am Ende wähnte. Ja,
ich wollte überhaupt aufhören, mit allem. Ich wollte Schluss machen. Aber wir
wissen – die Technik, die mit Digitalem einzog, ist umwerfend – und – es kostet nichts mehr, das
Fotografieren! Du kommst mit einem vollen Speicher nach Hause, siehst es dir
auf dem Monitor an, sagst
weg!, weg!, weg!
Der Rest bleibt stehen, wird
gespeichert. Wenn du willst druckst du aus – das kostet dann allerdings viel
Geld! Aber sonst – phantastisch!“
„Aber – ganz andere Dinge machen mir
zu schaffen . . . schau dieses Bild an!“ Er zieht wieder das „bewegte“
Traberbild aus dem Stapel am Tisch. „Eigentlich wollte ich später noch einmal
zu den Trabern, ich habe ein Motiv gesehen, das wollte ich unbedingt noch
einmal machen, wiederholen – aber es ist mir zu aufwändig! Das Taxi hin und
retour kostet 40 Euro und, was noch schlimmer ist – wer braucht das? Wozu der
Aufwand, wenn es niemand sehen will?“ „Ja, der innere Schweinehund wird immer
mächtiger“ denke ich bei mir. Die Überwindung, hinaus zu gehen, ins Gedränge,
in den Regen, den Wind, die Kälte, Unbill wie: „Wer sind sie? Was wollen Sie?“
hinzunehmen, wird immer schwieriger, schmerzt immer mehr. Das wird zu
anstrengend!
Eine Wahrheit ist auch, von versäumten
Gelegenheiten zu reden. Die Kamera nicht dabei – dann passiert´s,
nur die kurze Optik am Gehäuse – wenn man die lange brauchte.
„Das mache ich das nächste Mal“
– das es nicht mehr gibt! Erwähnenswert auch
die Story, die
Fotografie – das Leben Harry Webers.
Ruhelos, beobachtend unterwegs, soweit es die Kräfte noch zulassen. Am Graben
bei Segafredo sitzend, die Kamera im Anschlag, beim Demel detto, am Ring –
einen Philharmoniker am erleuchteten Fenster der Staatsoper warm spielend
entdeckend, den eiligen Kolporteur beim Würstelstand erlegt: Von „Wien bei
Nacht“ bis zur nächsten Ausstellung ist der Weg der gesammelten Einträge in das
lebenslange Fotobuch des Harry Weber schier endlos und von einer Fülle, die
berauscht!
Gerade heute, wenn ich nicht mit dem
Interview dazwischengekommen wäre, wollte Harry Weber wieder die Digitale
umhängen,
wieder auf „Streife“ gehen,
weiter Motive sammeln. Aber jetzt
kommt immer mehr das „Wozu“ an die Oberfläche, denkt er laut. Jetzt bin ich
langsam am Ende meines Weges . . . „jetzt gehe ich zum zweiten Mal in Pension!
Nein – die Hände, du weißt, die mache ich noch, dann ist Schluss. Oder aber –
man müsste alles ganz anders ausstellen. Ich habe auch versucht, mit
Brandstätter ein neues Buch zu machen – aber er ließ mich fallen – warum weiß
ich nicht! Dabei war er einst einer meiner besten Freunde! Na ja“ sprudelt es
aus Harry hervor. „Zu allem kommt, dass mir jetzt stinkfad ist! Ich entdecke
mich im großen Ohrenfauteuil, ein Buch lesend, werde fallweise von meiner Frau
eingeladen, doch wieder etwas auszudrucken – aber es ist vorbei. Ich will
fotografieren – kann es aber immer seltener, möchte meine Bilder immer
herzeigen – deshalb habe ich auch einige Proben hierher mitgenommen. Ich muss
sie wenigstens einige Male herzeigen dürfen, können.“
Harry eröffnet mit ein Anliegen:
„Möchte gerne bei euch eintreten (Harry ist nicht Mitglied des Syndikates Foto
Film) und irgendetwas machen – mit jungen Menschen zum Beispiel! Ich bin ein
großer Redner – wie du hörst – aber ich bin kein Lehrer! Ich bin jener
Fotoreporter, der aus der Erfahrung erzählen kann. Was ich überhaupt nicht
kann, ist Technik.
Ich liebe Fotografie, sie ist mein Leben!
Ich habe zum Beispiel nie geblitzt.
Der Herbert (gemeint ist
Harry Weber gibt sich verzweifelt:
„Ich weiß nicht mehr, was ich machen werde – es ist vorbei. Bücher machen geht
nicht – weil die Produktionen zu teuer sind. Ich bin auch nicht der Lessing,
der selber seine Bücher macht und wieder ganz oben ist – jetzt mit der
Ausstellung „Ungarn 1956“ im Leopold-Museum! Ich war damals nur wenige Tage in
Ungarn, allein, hatte keine Connection! Mit Lessing, der phantastische Bilder
hat, waren damals Gerd Bacher und Ernst Molden – die wussten genau, was kommen
würde, das sind die richtigen Medienmenschen! Die musst du als Begleiter haben,
als Fotograf! Was soll ich machen? Weiß auch nicht, ob das Regensburger Projekt
etwas wird?“ Harry erläutert ein Fotoprojekt Donau Wien – Regensburg. Alles in
Schwebe, weil es wie immer um die Kosten von Hotel und Halbpension geht. „Mehr
will ich gar nicht, will nichts für meine Bilder – aber zwei, drei Wochen Hotel
und Essen sollen sie zahlen, wenigstens die Spesen!“ kommt Harry zum Punkt.
„Ich habe natürlich ein Handicap:
Bin viel zu frech, lasse mir nichts gefallen,
streite nicht nur mit der Polizei,
mit Ordnern – sondern mit jedem, auch mit Brandstätter. Einen echten, guten
Freund aber habe ich noch – den Caspar Einem! Der liebt mich, kümmert sich um
mich! Treff´ ihn etwa alle vierzehn Tage, im Café Landtmann. Du weißt, bin ein
alter Sozi, werde es immer bleiben. Wir sind beide bös auf die Partei – das
verbindet. Er ist wie ich. Politisch gedacht habe ich Angst – wenn
Stimmungsmache in Blau oder Orange noch zugewinnen – aber so weit ist es ja
noch nicht“ bringt Weber einen kurzen politischen Abriss ins Gespräch. „Und
jetzt im Alter komme ich drauf, was ich hätte wirklich machen müssen im Leben:
Politiker hätte ich werden sollen!
Aber da hätte ich studieren müssen,
da hätte ich lernen müssen – das kann ich aber nicht. Kann zwar mit der
Digitalen schlecht und recht umgehen, kratze sozusagen an der Oberfläche! Wie
im Photoshop, den ich installiert habe“. Bemerkenswert, Harry Webers Offenheit
in vielen Belangen. Zwischendurch fotografiert er mich wieder – oder besser, er
versucht es – die Kamera gehorcht nicht, belichtet mit viel zu langen Zeiten –
ach, die Blende . . .
Wir plaudern über die besten Bilder,
kommen zu Cartier-Bresson, zu Kappa und stellen fest, dass Bildregie natürlich
zu entsprechenden Ergebnissen führen muss. „In dem Zusammenhang ist
erschütternd, dass die besten Dokumente, die wir kennen, gestellte Szenen sind
– wie ausdrücklich unlängst in einer Sendung des Fernsehsenders Arte
dokumentiert wurde! Was soll man da noch glauben – ich habe nie ein Bild
gestellt, habe immer nur drauflos belichtet. Meine Bilder sind immer passiert!
Sieh dir das an“ . . . er zieht das Foto des Kindes im Fenster der Straßenbahn
aus dem Bilderstapel . . . „das ist passiert. Umgedreht, gesehen und
geschossen! Das habe ich beim Stern gelernt. Immer drauflos! Das war´s! Mein
Leben würde ich gerne so wiederholen – nur würde ich weggehen – in die USA
wahrscheinlich. Ich war zu sehr in die Redaktion des Stern
eingebunden, hatte nicht die Bewegungsfreiheit eines Freien – das würde ich
heute tun! Wie der Lessing hätte ich nach Paris gehen müssen, zu Magnum. Da bin
ich, möchte gerne mitarbeiten . . . aber der Stern hat mir auch riesig Spaß
gemacht. Das war ja was! Ein riesiges Medium. Erst nach der Pensionierung
musste ich erkennen, dass ich ohne Stern praktisch nackt war. Früher lagen die
bei den Salzburger Festspielen mir zu Füßen, ich wurde extra als
Harry Weber vom Stern
vorgestellt. Heute . . . bin ich
allein. Im Regen, sozusagen! Wie wir alle . . . “ klopft er mir als
Ex-Kurier-Fotograf auf die Schulter – und hat natürlich recht. Ohne Medium bist
du ein Niemand!
Wir suchen nach international
bekannten österreichischen Fotografinnen und Fotografen der jüngeren
Geschichte, kommen auf Haas, Elfie Semotan, Inge Morath, Franz
Hubmann und landen letztlich bei Georg Riha, der als
Erfinder und Techniker im Verbund mit Fotografie zu Weltruhm kam.
Ich schiele nach dem Tonbandgerät,
die zweite Seite der Kassette wird langsam voll – wir haben tatsächlich
stundenlang geplaudert. Es war ungemein interessant, wieder einiges zu
erfahren, was aufzeichnungswert scheint. Harry Weber hatte Freude, sich wieder
einmal mitteilen zu können, einfach drauf los zu reden. Das Gespräch, der
Termin hat ihm gut getan. Die Marke Harry Weber lebt! Ein Fotografenleben liegt
offen vor uns . . . „und indem ich jetzt sage WOZU? gehe ich nun ein zweites
Mal in Pension! Und Aus!
Ich kann nicht mehr . . . meine Kräfte . . .“
Jetzt merke auch ich, dass das
lange, intensive Gespräch für Harry doch recht anstrengend war. Harry sieht
jünger aus – den Fünfundachtziger glaubt man ihm nicht! Beachtlich! Und tapfer!
Sehr tapfer.
Wir packen zusammen, gehen langsam
zu meinem Wagen, ich öffne Harry die Tür, lasse ihn einsteigen. Langsam fahren
wir den Laaer Berg hinan, drüben wieder herunter,
parken uns ein. „Hier, genau hier stand immer mein Wagen . . .“ ich nehme leise
Trauer in der Stimme des alten Freundes wahr. Nicht nur jetzt – öfter war nicht
zu überhören, dass er sich am Ende eines langen Weges wähnt. Harry steigt aus,
hat Kamera und Bilder an sich genommen, bleibt am Randstein stehen, wartet, bis
ich gewendet habe, winkt, steht und winkt. Im Spiegel sehe ich ihn immer
kleiner werden . . .