Aufbruchstimmung?

Gute Wünsche zum Jahreswechsel? Gut Licht?

Was bringt das Jahr 2007, was die folgenden?

Wie geht es weiter? Was denn noch?

 

Fragen über Fragen – mit großteils schon bekannten Antworten. Die Generalversammlung des Syndikates Foto Film brachte eine Diskussion, die wir in dieser Form zum Teil schon kannten – und doch: die Zeiten werden noch brutaler! Immer mehr Kollegen sehen sich in der Existenz bedroht, werden an den Rand geschoben, kämpfen unter widrigen Umständen ums Überleben. Teures Equipment rechnet sich nicht mehr, Veröffentlichungshonorare sind bereits unerträglich ausgedünnt, aufgelaufene Spesen fressen magere Gewinne, Bilanz gerade noch gegen schwarze Null! Bis auf wenige Ausnahmen stellt sich die aktuelle Situation für viele Fotografinnen und Fotografen eher trist dar. Glücklich ist, wem es 2006 gelang, mit entsprechenden Vereinbarungen oder Verträgen im Bilderstrom zu bleiben (von Anstellungen kann ja schon länger keine Rede mehr sein), eine Nische bedienen zu können oder Anschluss an ein Netzwerk zu finden, in das es lohnt, Fotoarbeiten einzubringen.

 

Und jetzt geht’s erst richtig los!

 

Jedes Medium buhlt um Seher oder Leser. Diesen mit allen Mitteln an sich zu binden ist Forderung unserer Zeit. So ist das „Meerschweinchen-Gekreische“ des Starmania-Publikums den Sendungsmachern nur recht – kreischt doch in dieser Zielgruppe der Seher, die Seherin von morgen! Älteren Semestern bleibt nur der Senderwechsel! 

 

Printmedien entdecken immer mehr die Breite digitaler Möglichkeiten.

 

Die Schaffung entsprechender online-Webseiten der Print-Medien war nur der Anfang. Was zunächst als baldiges „Aus“ für den Rotationsdruck galt, stellte sich rasch als Fehleinschätzung heraus, weil seriöse, abonnierte Leserschaft auf Gedrucktes nicht verzichten will. Haptik, Unabhängigkeit vom Leseort usw. sind nur zwei Gründe, dass Printmedien keinesfalls so schnell vom Markt verschwinden werden. Im Gegenteil. So war es eine Forderung auch aus unseren Mitgliederkreisen, das Magazin „flash“ keinesfalls der Website zu opfern, obwohl es nur einfach wäre. Nein, Print ist eben eine andere Welt, hat weiter Bestand. Vierfarb-Offset, CMYK-Dateien, satinierte Papierqualität, ansprechender Inhalt sind einige Überlebensrezepte und passen zum länger aufliegenden Magazin.

 

Neugründungen, Umschichtungen – ein richtiger Medienboom kennzeichnet unsere Tage. Und: Qualität unserer Tage hat viele Facetten. Aufreißerisch, schreiend, aufrüttelnd – nachher vielleicht, abschwächend, eingestehend, abwiegelnd. Den Leser an sich zu reißen, zu beschenken, auf ihn einzuhämmern, ihn zu beschwören, ihm Platz einzuräumen und mit Prominenz gleichzustellen sind heute marktpolitische Usancen, die bewusst und brutal durchgezogen werden. Koste es, was es wolle! Oder besser umgekehrt: Kostenloser und einfacher ist es nie gewesen, Leserinnen und Leser einzubetten und dieses Klientel dazu zu bewegen, auch an Folgetagen das Medium zu konsumieren! Und so weiter.

 

So wurde Digitales zum Segen.

 

Für Homepages genügen winzige Bilddateien zur Illustration, irgendwelches Geschreibsel werde man schon hinbiegen. Der Aufruf der deutschen „Bild“ „Schicke uns Bilder deiner flotten Weihnachtsfeier per Handy an 1414 – für Bestes bezahlen wir 5.000 Euro!“ brachte Hunderttausende Mails an den eingerichteten Server und für den „Engel Dieter“ des 1. FC Schney (in Bayern) tatsächlich satten Honorarsegen. Für das lustigste Foto der „knackigen Mädels“ mit nackten Pobacken gab es 500 Euro, für einige andere auch noch Hunderter-Honorare – der unübersehbare Rest aber wird bis zum Nimmerleinstag auf Geldregen warten! Das Konzept geht zweifellos auf – Millionen aufgerufene „Leser-Reporter“ blättern täglich in der Gazette, um ihre Bilder zu suchen oder surfen sich online durch die Sites. Das wars!

 

Das neue Virus sprang wie seinerzeit die Aktion „Ein Herz für Kinder“ sofort auf Österreich über – auch hierzulande ist der Leser-Reporter in fast allen Medien längst feste Größe. Prinzipiell ist gegen diese Arte des „Bürgerjournalismus“ ja nichts einzuwenden, wenn entsprechende Plattformen des Lesers Glück bringen. Aber: Zumeist online werden die seichtesten, dümmlichen, ja unerträglich banalen G`schichterln samt bunten Vierecken veröffentlicht, finden fallweise auch den Weg ins Printmedium und sollen einladen, dass jeder, der nur eine Digitale umklammern kann, zum Fotoreporter geboren ist und so nebenbei die Topstory anliefern kann! Da entsteht eine neue Qualität, die diesen Namen nicht verdient! Da steht dann das von einem „Leserpaparazzo“ kalt „abgeschossene“ Blaulichtauto vor einem Laden, in dem angeblich ein Polizist einem Niedergeschlagenem wieder auf die Beine hilft, das liebe Hündchen Fritzi hat Welpen, Ich am Berg (samt Bild für die Tante Poldi in Voitsberg), Kevin mit seinem Brüderchen im Lebkuchenhaus und so weiter, und so fort . . . Lyrische Ergüsse wie Leser-Reisen samt ermüdender Bilderstrecke lassen erschauern. Gewinn nur für den Herausgeber, der hier willige und zumeist kostenlose Leserproduktionen breitwälzt und guten Platz zur Verfügung stellt, um auch andere Leser/Seher zur Mitarbeit zu animieren. „Schicke dein Video, dein Bild . . . wir machen was draus!“ In Zeiten, wo das Foto-Handy zur wichtigsten Nebensache mutiert, kann es also jeder oder jede Beliebige ohne besondere Vorkenntnisse zur begehrten Veröffentlichung bringen! Allseits bekannter e-Mail-Verkehr ist ebenfalls gutes Mittel, braucht allerdings nur einige Schritte mehr!

 

Platz dem Leser-Reporter, der natürlich gierig darauf ist, seinen Namen in der „Kleinen“, im „Standard“, in den „Vorarlberger Nachrichten“, in „Heute“ oder sonst wo zu lesen und stolz der Malitant zu zeigen! Den Herausgebern ist dieses Mittel nur recht, Leserzahlen zu steigern. Das Angebot übersteigt kühnste Einschätzungen. Aus dem Wust der Bildchen ist manches auch auf anderen Seiten zu lukrieren – billig und willig.

 

„Nur kein anständiges Honorar“

 

muss es wohl heißen, wenn man diese Usancen verfolgt. Wozu auch; sind ja keine Profis angesprochen und auch nicht involviert. Der Leser liefert gerne und gratis, was solls! Nachdem aber Platz (auch für Schmonzes) nicht endlos zur Verfügung steht, läuft die Platz-Verdrängung und schlägt auch bei eingesparten Bildhonoraren nieder. Wo früher (erbärmlich zwar, aber doch) honoriert werden musste, steht nun der kostenlose Leser-Reporter mit seinem Sendungsbewusstsein, der natürlich nicht (oder noch nicht) merkt, dass er als williger Hanswurst vermarktet wird! Ahnungslosigkeit rundum: Er ahnt nichts von Honoraren, Steuern und Abgaben, vom Recht auf´s eigene Bild, von Tabus, von Recht auf Privatsphäre oder Hausfriedensbruch. Böses Erwachen, wenn erstmals heftige Klage eingebracht wird und den ach so geliebten Leser-Reporter ins Mark trifft, weil sich das Medium schadlos halten wird!

 

Der Wandel zum Digitalen ward für viele Kollegen zum Segen –

spätestens jetzt aber auch zum Fluch.

 

So resultiert aus diesen Perspektiven für Dutzende Kollegen höherer Schaden, als zunächst angenommen. Seitenumfang oder Platzangebot steht nicht endlos zur Verfügung – viel Platz, zu viel Platz ist für Leser-Schmonzes zwingend vergeben. Immerhin kauft oder abonniert der Leser an den Folgetagen das Medium oder surft sich durch das Webangebot. Zu diesem Schaden gesellt sich die Tatsache, dass digitalisierte Agentur-Bild-Datenbanken bereits alles im Griff haben. Features, Royalty-free um zwei oder drei Euro von der DVD lassen dem seriösen Bildanbieter keine Chance mehr. Stundenlöhne von acht Euro inklusive überlassenen Bildrechten (ganz aktuell im November erhoben) bringen junge Kollegen in den Prozess ein, die anderes nie mehr kennen lernen werden. Sie werden sich vielleicht ein oder zwei Jahre (hoffentlich) über Wasser halten können, den Markt weiter ruinieren, um dann doch anderen Lebensunterhalt zu suchen. Masse ist schlecht für den Anbieter. Klasse natürlich nicht: Sensationelle Bildhonorare der Paparazzofotografie (wie im Falle Kampusch) in wenigen Fällen täuschen darüber hinweg, dass der uferlose Bilderstrom im Großen und Ganzen unbelohnte Masse bleibt. Und noch warten einige Hundert oder Tausend auf ihre Chance, in den nicht mehr vorhandenen österreichischen Bildermarkt einsteigen zu können. So oder so!

 

Die Wahrheit?

 

Kaum Chancen – und auch kein Rezept zur Situation. Fotografen sind zu sehr Individualisten, Einzelkämpfer. Sie versuchen, ihre Suppe allein zu kochen, anzurichten. Neidische Blicke auf gut Honoriertes, Neid um jeden Auftrag. Anzeigen, schlechte Nachreden. Leider. Zur Einigung wurde schon zu viel gesprochen und getan. Sinnlos, weil jedes Ansinnen immer umgangen wird! Auch der absolute Lieferboykott ist nicht mehr durchsetzbar! Die Großen kämpfen selber um Absatz und haben Verträge, die eingehalten werden müssen. Jeder vertritt seine Interessen. Die Gewerkschaft? Wer oder Was soll das sein? Im besten Fall vertreten Reste davon angestellte Fotografen und Redakteure – und die unterliegen ja auch markpolitischen Prozessen oder sind den Job los! Die ungeliebte Pflicht-Kammer? Sie hilft möglicherweise in der einen oder anderen Situation – aber den Markt zu leugnen ist töricht.

 

Lösungsansätze:

 

Chefredakteure, Herausgeber in die Pflicht zu nehmen, Vernunft zu fordern, Leser-Reporter in Zahl und Anbot nicht ausufern zu lassen, Ihnen tunlichst nur eine Website zu überlassen, für professionelle Bilder Profis zu bemühen ordentliches Veröffentlichungshonorar zu leisten ist bei bereits erfolgten Bindungen, Pauschalisten-, sonstigen Einzelverträgen und Dutzenden Nebenabreden schier unmöglich. Und dumm wäre der Kollege am Ruder, wenn er das Mittel, billig Zugang zum Leser zu bekommen, nicht annehmen würde! Für Zeitungsmacher gelten die Gesetze globaler freier Marktwirtschaft absolut. Marketing und immer zu kleines Budget zwingen ohnehin oft zu Handlungen, die manchmal nur schwer nachvollziehbar sind. Modern Times! Die Arbeitswelt ist brutal geworden. Auf allen Ebenen, in allen Branchen.

 

Was bleibt ist, allen redlichen Kollegen Mut zuzusprechen, trotz aller Widrigkeiten rege zu bleiben und die in immer dichteren Intervallen anfallenden Herausforderungen anzunehmen und tunlichst zu bewältigen. Für Nebensächliches ist da kein Platz mehr! Ein gutes Produkt findet immer Zuspruch. Zusammenschluss bringt Ideen, Know-how. Nischen sind noch immer gefragt. Klasse sticht hervor, muss Masse schlagen. In Deutschland wird eben der Weg der Micro-Bildhonorare gegangen (Story in VISUELL). Viele kleine Honorare bringen auch Umsatz! Tristesse muss beiseite geschoben werden, wirtschaftlicher Aufschwung bringt Silberstreif am Horizont. Aquisition rechnet sich immer und geht alle an. Nach vorne schauen, weiter denken, weiter machen . . .

 

Gerhard Sokol